Das Eröffnungsplenum widmete sich einer grundlegenden Bestandsaufnahme der deutschen Energie- und Wirtschaftspolitik an der Schnittstelle von Wachstumskrise, Versorgungssicherheit und Investitionsbedarf. Im Zentrum der Impulse standen die notwendige Zusammenführung von Energie-, Industrie- und Geostrategie, die Bewältigung massiver System- und Netzkosten sowie die Schaffung verlässlicher Rahmenbedingungen für die anstehenden Milliardentransformationen.
Prof. Dr. Marc Oliver Bettzüge, Direktor des Energiewirtschaftlichen Instituts an der Universität zu Köln (EWI) und Mitglied des Expertenrats für Klimafragen, erläuterte in seiner Keynote die Wachstumskrise in Deutschland und zeichnete ein kritisches Bild der deutschen Energie- und Wirtschaftspolitik. Deutschland befinde sich im internationalen Vergleich in einer Wachstumskrise mit stagnierender Wirtschaftsleistung und hinke auch beim Elektrifizierungsgrad hinterher. Besonders auffällig seien die Diskrepanzen auf dem Strommarkt. Trotz des massiven Ausbaus von Windkraft und Photovoltaik sank die Stromerzeugung zwischen 2010 und 2024 um 22 Prozent. Durch den gleichzeitigen Abbau von Kohle- und Nuklearkapazitäten stieg die relative Abhängigkeit von Erdgas. Zudem schrumpfe der gesamte Stromverbrauch seit 2015 um jährlich 1,2 Prozent, was einen Trend zur De-Elektrifizierung zeige. Gleichzeitig erlebe das System durch eine Verdopplung der Netzkosten zwischen 2020 und 2024 sowie durch hohe staatliche Sonderausgaben eine Kostenexplosion. Da das Stromsystem zu einem ernsthaften Standortrisiko zu werden drohe, plädierte Bettzüge dafür, Energiestrategie, Industriestrategie und Geostrategie künftig zwingend zusammenzudenken.
Prof. Dr. Dr. h.c. Reinhard Hüttl, Mitglied des Executive Committee bei Euro-CASE und Wissenschaftlicher Direktor und Geschäftsführer von EEI Eco-Environment Innovation, beleuchtete die Herausforderungen der Energiewende angesichts volatiler Wetterbedingungen durch veränderte Jet-Streams. Ein zentrales Problem sei der Landnutzungs- und Agrarsektor, der als Kohlenstoffquelle statt als -senke fungiere. Hüttl zog eine kritische Bilanz der Energiewende, da der Anteil fossiler Energieträger am Primärenergieverbrauch weiterhin bei 80 Prozent liege und der Atom- und Kohleausstieg die Grundlastversorgung gefährde. Bislang fehle ein Konzept für eine sichere und klimaneutrale Bereitstellung grundlastfähiger Moleküle. Als langfristige Lösungen nannte er Wasserstoff, eine CO2-Kreislaufführung und die Kernfusion, während er innovative SMR- und MSR-Technologien als notwendigen Zwischenschritt bezeichnete. Diese Reaktoren könnten laut der Tagung EUROMOST das GAU- sowie das Endlagerproblem lösen. Seine zentralen Handlungsempfehlungen waren der schrittweise Ausbau der Elektrifizierung durch Erneuerbare und grundlastfähige Kraftwerke, die Verringerung neuer Importabhängigkeiten bei mineralischen Rohstoffen und Technologien aus China sowie eine gesamthafte Erfassung des CO2-Footprints als Entscheidungsgrundlage für die Transformation.
Hauke Burkhardt, Managing Director bei der Deutsche Bank AG, zeigte die aus seiner Sicht wesentlichen Weichenstellungen für eine erfolgreiche Energiewende auf. Die Transformation des Energiesystems biete Europa zwar die Chance auf ein zukunftssicheres und resilienteres Wirtschaftsmodell, stehe aktuell jedoch vor erheblichen strukturellen Hürden. Neben dem massiven Netzausbau und der Dekarbonisierung der Erzeugung erschwerten Zeitdruck, begrenzte Flächen und volatile Marktpreise die Umsetzung. Um die Versorgungssicherheit bis 2030 zu gewährleisten, bezifferte Burkhardt den notwendigen Investitionsbedarf auf Basis von BDEW-Daten auf mehrere Hundert Milliarden Euro. Als die mit Abstand größten Kostentreiber beschrieb er dabei die Bereiche Energieerzeugung und Stromnetzausbau. Weitere Mittel müssten zudem in das Wasserstoffkernnetz, den Ausbau der Fernwärme sowie in klimaneutrale Gase und moderne Speichertechnologien fließen. Die Mobilisierung hänge dabei maßgeblich von einer präzisen Risikobewertung ab. Während Fremdkapitalgeber planbare Cashflows benötigten, forderten Eigenkapitalgeber risikoadäquate Renditen. Da höhere Projektrisiken automatisch zu einem steigenden Eigenkapitalbedarf führten, wies Burkhardt abschließend auf einen notwendigen Dreiklang aus Banken, Kapitalmarkt und öffentlicher Hand hin. Um den Prozess zu beschleunigen, müssten die Innenfinanzierung gestärkt, neue Kapitalpools erschlossen sowie moderne Abnahmeinstrumente und verlässliche, bürokratiearme Rahmenbedingungen geschaffen werden.
Kerstin Andreae, Vorsitzende der Hauptgeschäftsführung und Mitglied des Präsidiums beim BDEW Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft e.V., betonte in ihrem Impuls, dass die Energiewende vor einer neueAn Phase stehe. Diese müsse fortan nicht mehr nur klimaneutral, sondern gleichermaßen resilient, wettbewerbsfähig und geopolitisch tragfähig sein. Weltweit nähmen die geopolitischen Spannungen zu, was sich unmittelbar auf die Energiemärkte und Investitionen auswirke und bestehende Abhängigkeiten deutlicher zutage treten lasse. Obwohl die Wirtschaft stagniere und die Industrie sich in der Defensive befinde, mache der Klimawandel keine Pause. Essenziell sei es nun, tatkräftig zu handeln und die Energiewende als das umfassendste Transformationsprojekt seit dem Wiederaufbau zu begreifen und voranzutreiben. Die Energiewende fungiere dabei als Souveränitätsprojekt für Europa und gleichzeitig als Resilienzprojekt für die deutsche Volkswirtschaft. Die Modernisierung der Netze, der Ausbau erneuerbarer Energien und Speicher sowie die Digitalisierung und der Aufbau einer Wasserstoffinfrastruktur seien die fundamentale Grundlage für die deutsche Wettbewerbsfähigkeit der kommenden Jahrzehnte. Dafür unabdingbar seien stabile staatliche Rahmenbedingungen, da sie die Basis für jede verlässliche Investitionsentscheidung böten.
Der erste Sektor-Talk des Tages befasste sich mit den Herausforderungen der deutschen Energie- und Klimapolitik für die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie. Im Fokus der Diskussion standen marktwirtschaftliche Instrumente wie der EU-Emissionshandel sowie ergänzende Maßnahmen von Industriestrompreisen bis hin zu grünen Leitmärkten zur Sicherung des Wirtschaftsstandorts.
Prof. Mario Liebensteiner, Professor für Energiemärkte an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, kritisierte den internationalen Alleingang Deutschlands in der Energie- und Klimapolitik. Dieser schwäche durch sehr hohe Stromendkundenpreise inklusive erheblicher Systemkosten wie Netzentgelten und Abgaben die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft und belaste insbesondere energieintensive Unternehmen stark. Der Atomausstieg habe zudem gesicherte, CO2-arme Kapazitäten entzogen, was die Strompreise sowie Emissionen erhöht und die Auswirkungen der vergangenen Gaskrise zusätzlich verstärkt habe. Da sich die Energiewende bisher zu einseitig auf den reinen Kapazitätsausbau fokussiert habe, hinke die nötige Systemintegration hinterher, was sich im massiven Anstieg von Abregelungen und Redispatchmaßnahmen zeige. Ein weiterer Ausbau erneuerbarer Energien stifte nur dann einen hohen volkswirtschaftlichen Nutzen, wenn er netzdienlich erfolgt und durch die bisher vernachlässigten Komplementärmaßnahmen wie Netzausbau, Speicher, Digitalisierung und flexible Nachfrage ergänzt wird. Für eine industrieverträgliche Energiewende plädiert Liebensteiner daher für eine stärkere europäische Koordination, technologieoffene und marktbasierte Instrumente sowie eine bessere Verknüpfung von Klimaschutz und Wirtschaftspolitik.
In der anschließenden Podiumsdiskussion unter der Moderation von Ulrike Drachsel, Geschäftsführerin des Forum für Zukunftsenergien, diskutierten Dr. Christine Falken-Großer, Hauptgeschäftsführerin beim Bundesverband Erneuerbare Energie e.V., Dr. Timm Kehler, Vorstand und Geschäftsführer bei DIE GAS- UND WASSERSTOFFWIRTSCHAFT e.V., und Kerstin Maria Rippel, Hauptgeschäftsführerin bei der Wirtschaftsvereinigung Stahl über die Herausforderungen der industriellen Transformation.
Dem Argument, dass der ETS allein ausreiche, wurde in der Diskussionsrunde vonseiten der Industrie vehement widersprochen. Rippel betonte, dass der Emissionshandel im globalen Wettbewerb mit hochsubventionierten Konkurrenten aus Fernost nicht genüge, um die europäische Industrie zu sichern. Es brauche zusätzliche industriepolitische Flankierungen wie einen wirksamen Handelsschutz gegenüber chinesischen Importen, eine Weiterentwicklung des CO2-Grenzausgleichsmechanismus CBAM sowie einen Industriestrompreis von rund vier Cent je Kilowattstunde. Auch beim Thema grüner Leitmärkte, die Rippel insbesondere für die Automobilindustrie forderte, zeigten sich in der Runde Differenzen. Während sie von geringen Auswirkungen auf die Endproduktkosten sprach, gab Kehler zu bedenken, dass die ohnehin unter Druck stehende Automobilbranche spürbare Preiserhöhungen kaum verkraften könne. Er sehe Chancen für grüne Leitmärkte eher im staatlichen Nachfragesektor, wie der Verteidigungsindustrie. Einig waren sich die Teilnehmer auf dem Podium letztlich darin, dass der Emissionshandel das fundamentale Instrument der europäischen Klimapolitik bleiben müsse. Zudem sprachen sich sowohl Rippel als auch Kehler dafür aus, die staatlichen Einnahmen aus dem ETS künftig deutlich stärker direkt für die Unterstützung der industriellen Transformation einzusetzen.
Der zweite Sektor-Talk befasste sich mit den globalen und nationalen Trends auf dem Fahrzeugmarkt sowie den praktischen Hürden einer flächendeckenden Antriebswende. Im Mittelpunkt standen die dominante Rolle der Elektromobilität, der Ausbau der Ladeinfrastruktur und des Stromnetzes sowie die Debatte um Technologieoffenheit und die europäische Wettbewerbsfähigkeit.
Prof. Dr. Martin Wietschel, Leiter der Abteilung Energietechnologien und Energiesysteme beim Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI, beleuchtete in seinem Vortrag die globalen Trends auf dem Fahrzeugmarkt. Er führte aus, dass der weltweite Verkauf von Elektrofahrzeugen und Plug-In-Hybriden bei Pkw und Lkw stetig wachse. Wasserstoff und eFuels spielten im Straßenverkehr aktuell kaum eine Rolle. Für Deutschland prognostizierte Wietschel eine Fortsetzung dieses Trends durch stark rückläufige Verbrenner-Zulassungen. Da Kostenreduktionen ausgeblieben seien, blieben eFuels im Pkw- und Lkw-Bereich umstritten und auf Nischen begrenzt, während sie im internationalen Flug- und Schiffsverkehr dringend benötigt würden. Bei schweren Lkw sähen die Hersteller den E-Antrieb klar vorne.
In der anschließenden Podiumsdiskussion unter der Moderation von Ulrike Drachsel, Geschäftsführerin des Forum für Zukunftsenergien, diskutierten Julian Joswig, MdB (Bündnis 90/Die Grünen), Eva Ackermann, Leiterin des Referats G 25, Erneuerbare Energien und Kraftstoffe, Wasserstoff im Bundesministerium für Verkehr, Prof. Dr. Christian Küchen, Hauptgeschäftsführer beim Wirtschaftsverband Fuels & Energie en2x, Dr. Stephan Herbst, Technical Head of H2 Cluster & Value Chain bei Toyota Motor Europe und Marc Krüger, Senior Policy Advisor bei der DEKRA zu den praktischen Hürden der Umsetzung.
Ackermann betonte, dass flexibles Laden zuhause und am Arbeitsplatz netzdienlich sei und Lastspitzen verhindere. Während ausreichend Förderung bereitstehe, bleibe das Stromnetz vor allem im Lkw-Bereich eine Herausforderung. Sie verwies zudem auf den kommenden Masterplan für Wasserstoff und strombasierte Kraftstoffe sowie die Relevanz des Haushalts 2027. Krüger hob hervor, dass für den Erfolg das Verbrauchervertrauen gestärkt und die Qualität der Ladesäulen verbessert werden müsse, wobei er die Batterie als spannendes Zukunftsfeld bezeichnete. Dem stimmte Küchen mit Blick auf die Wirtschaftlichkeit von Batterien auf der Langstrecke und das gute Schnellladenetz zu. Er forderte jedoch, den Säulenausbau der Wirtschaft zu überlassen, und warnte vor einer Deindustrialisierung. Joswig lenkte den Blick auf den globalen Wettbewerb mit China und forderte eine stärkere Fokussierung auf europäische Hersteller. Als Reichweiten-Ergänzung sah er Plug-In-Hybride und mahnte regulatorische Nachbesserungen beim Carbon Management an. Für Technologieoffenheit plädierte Herbst, der einen flexiblen „Multi-Pathway-Approach“ für eine schnelle Dekarbonisierung forderte, bei dem insbesondere Wasserstoff große Vorteile biete. Die Podiumsdiskussion zeigte, dass für eine erfolgreiche Antriebswende neben einem verlässlichen regulatorischen Rahmen und dem Netzausbau vor allem eine kluge Balance zwischen technologischer Flexibilität, Verbrauchervertrauen und der Stärkung der europäischen Wettbewerbsfähigkeit entscheidend ist.
Der Sektor Talk „Energie & Gebäude“ befasste sich mit den praktischen Hürden der Wärmewende. Diskutiert wurde über den Übergang von Maximalforderungen beim Neubau hin zu pragmatischen, sozial verträglichen Lösungen im Gebäudebestand, die Schaffung verlässlicher Förderstrukturen sowie die notwendige Ertüchtigung der dezentralen Netzinfrastrukturen.
In seinem wissenschaftlichen Impuls legte Sebastian Herkel, Abteilungsleiter für energieeffiziente Gebäude am Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE), anhand aktueller Modellierungen dar, dass eine flächendeckende Tiefsanierung aller Gebäude volkswirtschaftlich nicht zielführend ist. Moderate Sanierungsstandards (wie das Effizienzhaus 100) in Kombination mit einem konsequenten Energieträgerwechsel im Heizungskeller seien über den Lebenszyklus oft kosteneffizienter. Dennoch sei ein Mindestmaß an Sanierung der Gebäudehülle notwendig, um das Gesamtsystem robust gegen Schwankungen beim Ausbau der erneuerbaren Energien zu machen. Herkel warnte eindringlich vor den sozialen Verteilungswirkungen der Transformation: Im unteren Vermögensdrittel der Bevölkerung übersteigen die notwendigen Investitionskosten das vorhandene Vermögen der dort wohnenden Menschen deutlich. Zudem präsentierte er Ergebnisse einer Lastprofil-Studie von rund 6.000 Wärmepumpenanlagen, die zeigt, dass die Gleichzeitigkeit im Stromnetz bei extrem niedrigen Außentemperaturen massiv zunimmt. Hieraus ergebe sich ein dringender Handlungsbedarf für die Netzauslegung sowie für finanzielle Anreize für einen flexiblen Betrieb.
In der anschließenden Podiumsdiskussion unter der Moderation von Ulrike Drachsel, Geschäftsführerin des Forum für Zukunftsenergien, diskutierten Axel Gedaschko, Präsident des GdW (Bundesverband der deutschen Wohnungs- und Immobilienunternehmen), Dr. Alexander Renner, Referatsleiter IIA1, Grundsatz Gebäudeenergie und Gebäudetechnik im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, Markus Staudt, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Heizungsindustrie (BDH e.V.) und Dr. Jörg Reichert, Vorsitzender der Geschäftsführung der Netze BW GmbH, die aktuellen Hürden im Gebäudebereich.
Gedaschko kündigte eine drastische Entwicklung an: Die Mitgliedsunternehmen verlagerten ihre Investitionen aufgrund explodierender Kosten vollständig weg vom Neubau und hin in den Gebäudebestand. Neubau sei unter den aktuellen Marktbedingungen schlichtweg zu teuer geworden und baue am Markt vorbei. Zudem plädierte er für eine Abkehr vom Dogma „Efficiency First“ und forderte stattdessen, Maßnahmen dann zu ergreifen, wenn sie ohnehin anstünden. Ein vorzeitiger Austausch intakter Bauteile sei ökologisch sowie wirtschaftlich nicht sinnvoll. Weiterhin kritisierte er die bisherige soziale Schieflage der Förderung: Evaluierungen zeigten, dass über 90 Prozent der Hüllenförderung an Haushalte mit einem Bruttoeinkommen von weit über 3.000 Euro flossen, während einkommensschwache Eigentümer – oft Rentner im Ein- und Zweifamilienhausbereich – nicht einmal mehr Bankkredite für die anstehenden Investitionen erhielten. Renner betonte, dass die Bundesregierung die soziale Problematik und die Notwendigkeit einer differenzierten Betrachtung erkannt habe. Dies zeige sich bereits in der nachjustierten Heizungsförderung, die für Haushalte mit einem Einkommen unter 40.000 Euro deutlich höhere Förderquoten vorsieht. Er stellte klar, dass das Ordnungsrecht bewusst auf Zwänge verzichte und an „auslösende Tatbestände“ wie den regulären Heizungstausch bei Ausfall anknüpfe. Laufende Anlagen stünden unter Bestandsschutz. Angesichts von über 20 Millionen dezentralen Heizungskellern in Deutschland sei die Energiewende endgültig bei den Endkunden angekommen. Gerade weil private Selbstnutzer Fehlinvestitionen im Gegensatz zu Unternehmen nicht steuerlich abschreiben könnten, sei eine unabhängige Energieberatung wichtiger denn je. Zum vieldiskutierten Gebäudemodernisierungsgesetz äußerte sich Renner zuversichtlich: Der politische Wille zur Schaffung von Klarheit sei groß, und er erwarte eine Verabschiedung noch vor der parlamentarischen Sommerpause Anfang Juli. Staudt beklagte, dass die Heizungsindustrie nach einem Sonderkonjunkturjahr 2023 mit über 1,3 Millionen abgesetzten Wärmeerzeugern einen drastischen Markteinbruch infolge der emotional geführten GEG-Debatte verzeichnet habe. Das Vorjahr sei das absatzschwächste Jahr seit 15 Jahren gewesen, und auch für das aktuelle Jahr werde mit knapp über 700.000 Geräten ein für die Klimaziele unzureichendes Tempo prognostiziert. Zudem betonte er, dass Heiztechnologien an sich nicht „fossil“ seien, sondern die Emissionen rein vom gewählten Energieträger abhingen. Die Industrie fordere daher eine Fokussierung auf grüne Moleküle und Quoten statt rein auf die Technologie, zumal die sogenannte „Biotreppe“ ab 2029 bereits gesetzlich im GEG angelegt sei. Reichert brachte die Perspektive der Infrastrukturbetreiber ein. Als Flächennetzbetreiber mit Konzessionen für rund 800 sehr individuell geprägte Kommunen erklärte er, dass es keine Universallösung gäbe, die für alles greift. Während die Konzepte für die kommunale Wärmeplanung vielerorts ambitioniert erstellt worden seien, würden die Akteure in der praktischen Umsetzung nun massiv auf Wirtschaftlichkeits- und Machbarkeitshürden stoßen. Der Fortgang in der Realität verlaufe deutlich langsamer als in der Theorie. Reichert warnte davor, dass Kommunen es sich wirtschaftlich nicht leisten könnten, parallel drei oder vier verschiedene Netzinfrastrukturen (Gase, Strom, Fernwärme) gleichzeitig auszubauen und zu unterhalten. In den 2030er Jahren müssten daher harte strategische Entscheidungen über den Rückbau oder die Refinanzierung von Gasnetzen sowie den gezielten Ausbau von Stromnetzen für dezentrale Wärmepumpen getroffen werden. Letztere erfordern massive Investitionen in höhere Nennleistungen und erweiterte Anschlussmöglichkeiten. Einig waren sich die Wirtschaftsvertreter über die negativen Signale der politischen Diskussion um Vergesellschaftungen nach Artikel 15 im Land Berlin. Die anhaltende Debatte sorge bei internationalen institutionellen Investoren für erhebliche Verunsicherung. Erste Berliner Wohnungsunternehmen hätten im Zuge dessen bereits zugesicherte Verlängerungen ihrer bestehenden Kreditlinien verloren. Da Banken das unkalkulierbare Risiko einer Enteignung und den damit drohenden Verlust der Grundpfandrechte scheuten, entziehe dies den Unternehmen schlichtweg die finanzielle Basis und die nötige Planungssicherheit für anstehende Investitionen.
Der vierte Sektor-Talk widmete sich den zentralen Finanzierungsfragen des Infrastrukturumbaus. Angesichts immenser Investitionsbedarfe diskutierten Vertreter aus Politik, Bundeskanzleramt und Energiewirtschaft über die Schließung von Finanzierungslücken sowie über Effizienzsteigerungen im System und die Sicherung der gesellschaftlichen Akzeptanz.
Folker Trepte, Partner und Leiter Energiewirtschaft bei PwC Deutschland, skizzierte die ökonomischen Dimensionen der Transformation. Laut aktuellen Studiendaten werde der Investitionsbedarf für die Energieversorgungsunternehmen (EVU) auf 530 Milliarden Euro beziffert, zu denen rund 200 Milliarden Euro für die Übertragungsnetzbetreiber (TSO) hinzukommen. Bis 2045 beliefe sich der Gesamtbedarf entlang der Energieinfrastruktur auf schätzungsweise 0,9 Billionen Euro. Neben den Stromnetzen entfielen erhebliche Bedarfe auf Wärmenetze sowie die Wasser- und Abwasserentsorgung, die in öffentlichen Debatten oft nachgelagert betrachtet würden. Neue Dynamiken wie der Ausbau von Rechenzentren und die Elektromobilität erforderten zudem eine kontinuierliche Anpassung der Netzplanungen. Da die Innenfinanzierungskraft der Versorger im Durchschnitt lediglich rund 30 Prozent der Investitionen abdecken könne, seien die Akteure bei circa 70 Prozent des Volumens auf zusätzliches Kapital angewiesen. Klassische Bankkredite böten hierfür nur begrenzte Spielräume, weshalb die Stärkung des Eigenkapitals, KfW-Garantielösungen und die Einbindung neuer institutioneller Investoren in den Vordergrund rückten. Für kleinere, kommunale Stadtwerke stelle die Kapitalmarktfähigkeit aufgrund integrierter Unternehmensstrukturen (wie dem Querverbund mit Bädern oder dem ÖPNV) oft eine Hürde für Infrastrukturfonds dar. Hierzu bedürfe es finanzwirtschaftlicher oder staatlicher Portfoliolösungen zur Bündelung kleinerer Projekte.
In der anschließenden Podiumsdiskussion unter der Moderation von Ulrike Drachsel, Geschäftsführerin des Forum für Zukunftsenergien, diskutierten Christine Janssen, CFO von 50Hertz, Thomas Merker, CFO der LEAG, Enno Harks, Director Public Affairs DACH bei der BP Europa SE, Dr. Dominic Ponattu, Gruppenleiter Innovation, Industrie, Energiepolitik, Verkehr und Forschung im Bundeskanzleramt und Armand Zorn, stellvertretender Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion über die Finanzierung der Energiewende.
Janssen unterstrich die Dimensionen im Übertragungsnetzbereich, für den der aktuelle Netzentwicklungsplan bis 2045 ein Investitionsvolumen von 360 bis 390 Milliarden Euro vorsehe. Um die wirtschaftliche Tragfähigkeit und Bezahlbarkeit sicherzustellen, orientiere sich die Planung am volkswirtschaftlichen Optimum. Durch den verstärkten Einsatz von Freileitungen anstelle von Erdkabeln ließen sich schätzungsweise 20 Milliarden Euro einsparen. Für die erfolgreiche Gewinnung von internationalem Fremd- und Eigenkapital sei ab 2029 ein wettbewerbsfähiger, marktgerechter Regulierungsrahmen (WACC) zwingend erforderlich. Merker berichtete vom fundamentalen Wandel des Unternehmens vom Braunkohleverstromer hin zu einem Anbieter von grünem Strom, Batteriespeichern und Gaskraftwerken. Bis zum Jahr 2031 plane die LEAG Investitionen von bis zu 6 Milliarden Euro. Für die Bankfähigkeit dieser Großprojekte forderte Merker verlässliche Leitplanken und den Schutz von berechtigtem Vertrauen (Vertrauensschutz), beispielsweise bei der Ausgestaltung dynamischer Netzentgelte oder den Ausschreibungen im Kapazitätsmarkt. Deutschland müsse sich zudem stärker für privates Kapital – etwa über kapitalmarktbasierte Rentenfonds nach angelsächsischem Vorbild – öffnen, um das Wirtschaftswachstum zu beschleunigen. Harks vertrat den Standpunkt, dass nicht die Finanzierung das Nadelöhr der Energiewende sei – sondern der tragfähige marktwirtschaftliche Business Case. Beispielsweise sei das im Bau befindliche grüne Wasserstoffprojekt in Lingen ein Erfolgsmodell. Dort sorge die deutsche Umsetzung der RED III für eine sich selbst tragende Nachfrage von grünem Wasserstoff im Verkehrs- und Raffineriebereich. Kritisch bewertete Harks jedoch langwierige bürokratische Prozesse wie die IPCEI Beantragung, sowie staatliche Eingriffe, die den Markt verzerrten, wie zum Beispiel das subventionierte „Deutschlandnetz“, das in direktem Wettbewerb zu privatwirtschaftlich errichteten Ladeparks stehe. Er wies bei Fragen der Finanzierung darauf hin, dass die Akzeptanz der Bürger, Mehrkosten zu tragen, auch an der Verteilungswirkung klimapolitischer Maßnahmen hinge. Steuern und Abgaben wirkten immer regressiv, was bedeute, dass indirekte Steuern geringere Haushalts-Einkommen härter treffen würden. Das müsse bei Mehrwertsteuer, Netzentgelten, Energiesteuern und CO2-Bepreisung berücksichtigt werden. Ponattu betonte, dass Deutschland für globale Investoren weiterhin ein attraktiver und sicherer Hafen sei. Die Aufgabe der Politik bestehe darin, die Balance zwischen Projektsicherheit („Bankability“) und der Reduzierung von Systemkosten zu wahren. Neben gesetzlichen Beschleunigungsmaßnahmen arbeite die Bundesregierung am „Deutschlandfond“, um privates Kapital effektiver zu hebeln. Hierbei werde unter anderem ein privater Investorenpool geprüft, um den hohen Eigenkapitalbedarf von Stadtwerken zu decken. Zudem verteidigte er regulatorische Schutzinstrumente wie Missbrauchsklauseln im Kraftstoffbereich als moderate Maßnahmen. Zorn hob hervor, dass Versorgungssicherheit, Bezahlbarkeit und Nachhaltigkeit in der Energiepolitik gleichrangige Ziele darstellen. Um die gesellschaftliche Akzeptanz nicht zu gefährden, setze die Koalition auf den Abbau von Ineffizienzen und auf finanzielle Unterstützung anstelle von reinem Ordnungsrecht. Dies zeige sich auch beim Gebäudemodernisierungsgesetz (GModG), bei dem der Klimaschutz eng mit Mieterschutz und sozialer Förderung verzahnt wird. Zorn verwies zudem auf die industriepolitischen Erfolge der Transformation: Im Cleantech- und GreenTech-Sektor seien bereits über eine Million Menschen beschäftigt.
Die Podiumsdiskussion verdeutlichte, dass die erfolgreiche Umsetzung der Energiewende maßgeblich von der Synchronisation aus technischem Fortschritt, verlässlicher Investitionssicherheit und der Reduktion von Systemkosten abhänge.
Fotos: © Hans-Christian Plambeck
Mehr Informationen zur Veranstaltung sowie aktuelle Entwicklungen und Hintergründe finden Sie auf der LinkedIn-Seite des Forum für Zukunftsenergien e. V.